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Gesundheitspraxis Nordhorn
Heilen mit Händen |
Andreas Bernsen
Aufwachen
Wie beginnt man einen Text, von dem man am Anfang noch nicht weiß, wohin er führt? Es existiert zwar eine Vorstellung über das Thema, dennoch sollen die Gedanken frei fließen können und nicht etwas Festgelegtem folgen müssen. Das zu Schreibende liegt schließlich noch in der Zukunft. Es ist ähnlich wie bei einem Tag, den man sich vorstellt und plant, von dem man jedoch nicht weiß, ob er tatsächlich so verläuft. Ein buddhistischer Meister hat einmal geschrieben: „Wer weiß, was als nächstes kommt? Der nächste Morgen oder mein Tod?“ Weil wir eben nie wissen können, was in der Zukunft liegt und das Gestern vergangen ist, ist es wohl am sinnvollsten, möglichst wach und präsent im Hier und Jetzt zu leben. Die entscheidenden Worte sind ‚wach’ und ‚präsent’. Sie müssen, wenn dieser Satz wirklich Sinn machen soll, näher erläutert werden. Wachsein geht weit über die wörtliche Bedeutung als Gegensatz zum Schlafen hinaus. Hier ist Wachsein ein Bewusstwerden zu unserer einerseits menschlichen, andererseits universellen Natur. Mit menschlicher Natur sind Körper, Geist und Seele gemeint, welche an unsere begrenzte Zeit in diesem Leben gebunden sind. Hingegen bedeutet universelle Natur die zeit- und raumlose Quelle, die durch uns Gestalt angenommen hat. Vollständig wach sind wir dann, wenn wir diese beiden Seiten zur Gänze realisiert haben. Es liegt auf der Hand, dass dies nicht alltäglich ist und uns auch nicht per Zufall in den Schoß fällt. Präsent sein bedeutet, dass wir mit all dem, mit dem wir in Kontakt kommen und somit in Beziehung stehen, sein können. Das heißt, wir können damit sein, ohne es aufgrund unverarbeiteter Lebenserfahrungen zu beurteilen. Beides wach und präsent sein ist voneinander abhängig und das Ergebnis unseres persönlichen Prozesses.
Wenn Wach- und Präsentsein Ergebnisse eines persönlichen Prozesses sind, folgt daraus, dass es eine Zeit vorher gegeben haben muss. Aufgrund zum Teil sehr alter Ungleichgewichte, Probleme, Unzufriedenheiten, Krankheiten sind wir nicht wach, nicht im Kontakt mit uns selbst. Es läuft nicht rund im Leben. Wir wünschen uns etwas anderes und so sind es gerade die Schwierigkeiten im Leben, die uns in Bewegung bringen, die uns nachdenklich machen und etwas in Gang setzen. Also können Herausforderungen durchaus etwas Hilfreiches hervorbringen. Im Grunde genommen spiegeln sie nur das wider, was ebenso in allen anderen Dingen gesehen werden kann. Alles hat seine individuelle Erscheinungsform und ist gleichzeitig Ausdruck der Quelle. Natürlich sind Probleme, Überforderungen, Verletzungen und Krankheiten nicht das, was wir wünschen und eine Abweichung von dem, wie es von Natur gedacht ist. Trotzdem können diese Dinge auch wenn es paradox klingt für uns der einzige Weg zum Heilen sein. Eine andere Sichtweise wäre zum Beispiel die Betrachtung einer Münze. Es gibt immer eine sichtbare und eine unsichtbare Seite. Beide Seiten sind dennoch gleich wert. Im übertragenden Sinn bedeutet es, dass jedes Ereignis zwei Seiten hat, sozusagen eine helle und eine dunkle Seite. Gelingt es uns, die Bewertung wegzulassen, so erkennen wir, dass beide Seiten gleich wert sind. Die dunkle Seite bedeutet nicht etwa etwas Negatives, Unerwünschtes, sondern nur dass etwas unerkannt, unbemerkt, nicht gesehen ist. Lassen wir Licht scheinen, so bringen wir das Ungewusste ins Bewusstsein und werden wach.
So bedeutet z. B. Buddha „Der Erwachte“. Auf die Fragen seiner Schüler, ob er erleuchtet, allwissend, ein höheres Wesen sei, antwortete er: „Ich bin wach“. Um es klar zu stellen, wir müssen keine Buddhisten sein oder werden. Trotzdem ist es sehr nützlich, wenn wir in unserem Leben ein Stück weit aus der Dunkelheit des Nichtwissens emporsteigen. Dadurch können wir mehr Zufriedenheit, Heilsein, Freiheit in unser Leben bringen.
Doch der Weg dahin ist nicht einfach, erfordert viel Anstrengung, Klarheit und Durchhaltevermögen. Und er wird wahrscheinlich unser ganzes Leben lang andauern. Doch es ist nicht so, dass erst am Ende des Weges die Belohnung auf uns wartet. Jeder einzelne Augenblick birgt in sich das Potenzial zur Realisation, zum Erkennen. Letztendlich ist es eine Frage der subjektiven Wahrnehmung, welche von vielen Faktoren abhängig ist. Theoretisch kann die wahre Natur jedes Augenblicks die Quelle jederzeit erkannt werden. Für unsere Wahrnehmungsfähigkeit, mit anderen Worten, für unsere Fähigkeit wach und präsent zu sein, ist ein Kommen und Gehen, ein Auf und Ab wahrscheinlich. Mal gibt es Zeiten, wo wir höchste Erlebnisse haben und mit allem eins sein können und dann ebenso Zeiten, in denen wir meinen, alles verloren zu haben, nichts zu wissen und zu können und alles sinnlos erscheint. Es ist einfach menschlich, zu beiden Empfindungen fähig zu sein und sie auch zu spüren. Sie finden beide in unserem Leben statt.
Was bedeutet es zu realisieren, zu erkennen, wach zu werden? Dies sowohl zu unserer menschlichen, individuellen und Form sprich Gestalt besitzenden Seite als auch zu unserer ungetrennten, ursächlichen Seite, dem Einen, Ganzen und Heilen? Obschon der einzelne Verstand immer beteiligt sein wird, weil wir Menschen es sind, die denken, ist klar, dass die letztendliche Wahrheit nie nur verstanden werden kann. Das „Wissen“ muss verkörpert werden und wird selbst dann nie ganz in Worte gefasst werden können. Wenn wir das Ganze zwar nicht erfassen, aber doch einen gefühlten Sinn dafür entwickeln können, warum sollten wir uns dann mit weniger als der ganzen Wahrheit zufrieden geben? Intellektuelles Wissen ist nur ein kleiner Teil universeller Intelligenz. Universelle Intelligenz die Quelle nimmt in allen Formen Gestalt an und so sind wir die Verkörperung des Ursächlichen. Deshalb ist es uns möglich, uns daran zu erinnern und einen Sinn dafür zu entwickeln. Unser Dilemma von Anfang an ist, dass wir uns nicht bewusst sind, die Verkörperung des Ursächlichen zu sein. Von dem Augenblick an, in dem wir Gestalt angenommen haben, haben wir vergessen, was unsere Quelle ist, dass wir die Quelle sind. Schon von der ersten Sekunde an der Befruchtung sind wir den Gesetzen der Welt unterworfen. Alles steht miteinander in Beziehung und die Summe aller Beziehungen ergibt Bedingungen, die bestimmen, wie wir entstehen und wachsen, mit der Geburt zur Welt kommen und wie wir in ihr leben. Die zu jeder Sekunde unseres Seins existierenden Bedingungen sind so vielfältig und verschachtelt, dass sie in ihrer Komplexität niemals vollständig vom Intellekt erfasst und verstanden werden können. Dennoch sind sie für die menschliche Natur jedes Einzelnen absolut prägend.
Schon mit unserem Erscheinen auf dieser Welt besteht in jeder Sekunde die Möglichkeit dualistischer Erfahrungen es kann nicht anders sein, denn wir haben Gestalt angenommen und sind nicht mehr ungetrennt. Zu welcher Seite die Erfahrungen ausschlagen, bestimmen die Bedingungen, unter denen die Gestalt entsteht. Ganz zu Beginn unseres Lebens waren wir heil und im Gleichgewicht. Bereits von dem Moment der Befruchtung an sind traumatisierende Lebenserfahrungen möglich. Diese stapeln sich im Laufe der Zeit über das Ursächliche, so dass wir uns dessen kaum noch bewusst sind.
Es gibt zwei Faktoren, die bestimmen, ob wir uns der überfordernden Lebensereignissen bewusst sind oder nicht. Erstens der Zeitpunkt der uns widerfahrenen Ereignisse. Sind sie so früh aufgetreten, dass unser Nervensystem und damit unser Verstand noch nicht vollständig entwickelt waren, ist es nahezu ausgeschlossen, dass wir uns später intellektuell erinnern können. Zweitens die Intensität des Ereignisses. Ist der Stress, das Trauma so groß gewesen, dass das Überleben in Frage stand, haben tief liegende Hirnareale die Kontrolle übernommen. Sie verhindern bewusstes Wahrnehmen, um so das Überleben zu ermöglichen. Je größer also die Gefahr, umso größer auch die Wahrscheinlichkeit, dass man sich nicht erinnern kann. Gleichgültig jedoch, ob bewusst oder unbewusst, immer gibt es nur einen Ort, an dem alle Lebenserfahrungen gespeichert sein können: in unserer Gestalt, in unserem Körper. Nirgendwo anders können sie sein, als in unseren verschiedenen Zellen und Geweben. Unsere Lebenserfahrung ist verkörpert.
Wenn wir jetzt von Wachwerden sprechen, so ist damit ein Prozess gemeint, in dem wir mit uns selbst und unserer Lebensgeschichte in Kontakt kommen können. Entscheidend dabei ist jedoch nicht ein intellektuelles Erinnern an alle Ereignisse. Dieses kann, muss aber nicht geschehen. Wichtiger ist vielmehr, dass Raum dafür da ist, dass lange verborgene, vergessene und verdrängte Gefühle, sowohl Emotionen als auch Körperempfindungen, gefühlt werden können. Dem Körper muss es ermöglicht werden, das Vergessene und Verdrängte zu verarbeiten. Dies geschieht am besten, wenn der Verstand ausschließlich die Randbedingungen dazu organisiert, während des Vorgangs aber aus dem Weg bleibt, d. h. nicht bewertet, nicht eingreift, nicht verändert.
Als Ergebnis dieses Prozesses findet ein langsames Erwachen statt. Stück für Stück werden alle in Zellen und Geweben gespeicherte Ungleichgewichte und Traumata losgelassen. Der Körper kann mehr und mehr zu dem zurückfinden, wie er von Natur gedacht ist.
Der Mensch besteht jedoch aus mehr als seinem Körper. Wenn wir unsere menschliche Seite betrachten, sprechen wir von Körper, Geist und Seele. Wollen wir in Zufriedenheit ein freies und glückliches Leben führen, so sollte jeder Bereich für sich allein im Gleichgewicht und auch alle drei gemeinsam in der Balance sein. Genauso wie physische Traumata können sowohl im Mentalen als auch im Seelischen Überforderungen aufgetreten und festgehalten sein. Auch wenn es sich auf den ersten Blick widerspricht, derartige Ungleichgewichte können ebenso nur im Körper mit seinen unterschiedlichen Geweben beheimatet sein. Es kommt die Frage auf „Wo ist der Sitz des Ego und der Seele?“ Auch wenn wir weder für das Ego noch für die Seele eine genaue Antwort kennen, können beide wohl kaum außerhalb des Körpers sein.
Wachwerden zur Menschlichkeit bedeutet genauso wie bei dem oben beschriebenen Prozess des Körpers, dass auch Geist und Seele betreffende Ungleichgewichte nach und nach losgelassen werden und somit beides mehr und mehr gesundet.
Als Ergebnis vieler Jahre können wir zu einem Menschen werden, der keine alten Verletzungen, Enttäuschungen, Missachtungen, Traumata in sich festhält. Das bewahrt uns nicht vor der Gegenwart mit immer neuen möglichen Überforderungen, befähigt uns jedoch, aktiv und frei im Hier und Jetzt zu agieren. In schwierigen Situationen handeln wir nicht mehr, wie früher so oft, aufgrund unverarbeiteter Lebenserfahrungen und verhalten uns nicht mehr re-aktiv. Wir sind nicht länger Opfer unserer eigenen Lebensgeschichte, sondern in der Lage, unser Leben mit all unseren Fähigkeiten und Möglichkeiten zu leben.
Wir werden zeitlebens Mensch bleiben. Auch wenn wir unser Menschsein erkannt haben, bleiben wir in der Welt, in der Getrenntsein und Nichtgetrenntsein, Dualität und Nicht-Dualität existieren. Dieses Paradoxon besteht und wird von uns nie gelöst werden können. Auch wenn wir frei leben können, werden wir dennoch sterben. Es liegt in der Natur der Dinge, dass es neben Wachstum und Entwicklung auch Rückgang und Siechtum gibt, auch für uns Menschen. Wir können dem nicht entfliehen. Dies war eine der ersten Beobachtungen des Buddhas und ist zu der ersten edlen Wahrheit „Es gibt Leiden“ geworden. Auch ohne Buddhist zu sein, erkenne ich darin viel Wahrheit.
Die Frage ist, wie wir damit umgehen können oder anders formuliert, wie wir damit in Beziehung stehen. Langsam wendet sich die Betrachtungsweise weg vom individuellen, menschlichen zum ungetrennten, universellen Standpunkt hin. Wirkliche Freiheit existiert nicht wie allzu leicht angenommen im Erkennen und Realisieren der Gestalt oder Form, sondern nur in der Erkenntnis oder Realisation des Ganzen, der Quelle. Denn im Gegensatz zu allen Formen, die veränderlich und am Ende vergänglich sind, ist der Urgrund allen Seins zeitlos. Er ist unbegrenzt und ewig, reines Potenzial, welches noch keine Gestalt angenommen hat. Wenn wir unsere Freiheit auf Formen, die von uns aus gesehen im Außen liegen, begründen, sind wir von etwas abhängig, welches veränderlich und vergänglich ist. Dabei ist es gleichgültig, was es im Außen ist. Vielleicht ist es unser Lebenspartner, ein Freund, Geschäftspartner, unser Arzt, vielleicht Geld oder eine bestimmte Lebensform, worauf wir bauen und uns verlassen. Alle diese Dinge unterliegen nicht unserer Kontrolle und können sich manchmal sehr schnell ändern. Daher ist offensichtlich, dass wir im Außen keine Sicherheit und Freiheit finden können.
Wirklich frei können wir nur werden, wenn wir zulassen, dass es Raum dafür gibt, dass wir uns unserer universellen Natur erinnern. In dem Maß, wie wir einerseits Ungleichgewichte loslassen, kommen wir andererseits mit dem in unserem Innersten liegenden, Ursächlichem in Berührung. Wir erkennen, dass unser wahres Sein nie verloren, sondern nur von all den Überforderungen zugedeckt war. Machen wir uns klar, dass ein gefühlter Sinn unserer wahren Natur nur in uns selbst entstehen kann, weil das Ungetrennte, Ganze, Heile unser Innerstes ist. Gold kann z. B. auch nur dort gefunden werden, wo es im Boden ist. Wer an einer Stelle nach Gold sucht, wo keines im Boden ist, wird niemals welches finden. So können wir das, wonach wir streben, nur dort finden, wo es ist. Freiheit, Heilsein liegt in uns und nicht im Außen. Wer im Außen auf der Suche nach sich selbst ist, wird sich nie finden. Bleibt man jedoch bei sich selbst, so ist die Antwort so nah, wie man sie niemals vermutet hätte.
Unsere wahre Natur werden wir nicht vollständig verstehen und auch nicht zur Gänze in Worte fassen können, dennoch ist es möglich, sie mehr und mehr zu fühlen. Wenn wir den Mut haben, uns auf uns selbst einzulassen, wenn wir aufhören, uns auf dem falschen Acker im Außen abzumühen und bereit sind, von der Klippe zu springen, können wir unsere wahre ungetrennte Natur kennen lernen. Wir bleiben Mensch, allerdings ändern sich unsere Beziehungen zu allen Dingen. Im Wachsein können wir im Chaos des Alltags still und frei bleiben und sowohl dem Weltlichen als auch dem Universellen den Raum geben, den es gerade einnimmt. Wir können alles gestatten und bleiben präsent im Augenblick. Im Augenblick selbst, ohne Beurteilung, Erwartung oder Vergleich gibt es kein Trauma. Es gibt nur das, was es gibt oder nicht gibt und das ist alles, was ist.
Wenn man sehen kann, wenn überall Licht ist, ist alles einfach. Wir alle sind auf unserem persönlichen Weg auch wenn er noch so schwer ist. Erinnern wir uns daran, dass die Dunkelheit, die Herausforderung genau das sind, was wir gerade brauchen, um unseren nächsten Schritt zu tun. Zum Erwachen, zum Lüften des Verborgenen braucht es viele Bedingungen, u. a. unseren Intellekt, die Erkenntnis, das überhaupt so etwas wie das Ungetrennte existiert, Stille, Unterstützung, Gemeinschaft und immer wiederkehrende Praxis. Vertrauen wir und folgen wir, so wird sich sowohl unsere individuelle als auch unsere universelle Seite offenbaren. Wir werden frei und gewinnen verloren gegangene Lebensqualität zurück. Körper, Geist und Seele finden zurück zu Harmonie und Ausgeglichenheit und infolgedessen gestalten sich all unsere Beziehungen einfacher. Obwohl das Leben nicht immer einfach ist, sind wir dennoch zufrieden.
Angaben zum Autor:
Andreas Bernsen
Berliner Straße 31
48529 Nordhorn
Telefon (05921) 77007
E-Mail: info@heilenundentspannen.de
Internet: www.heilenundentspannen.de
Stand: November 2008 |

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